Paradise City: Eine Rezension

Deutschland in der Zukunft. Die Küsten sind überschwemmt, weite Teile des Landes sind entvölkert, und die Natur erobert sich verlassene Ortschaften zurück.

Ich liebe Dystopien, tauche gerne in das Schreckliche, Fiktive ein – um dann umso dankbarer für die Realität, in der wir leben, zu sein. Ehrlich gesagt fühlt sich 2020 oft wie eine Dystopie an, wie eine furchtbare Version eines Jahres, das ganz anders hätte laufen sollen und können. Perfekt in diese Zeit passt Zoë Becks Buch „Paradise City“.

Die Hauptfigur in „Paradise City“ ist Liina Järvinen, halb Finnin und Journalistin. Sie arbeitet in einer der letzten nicht-staatlichen Nachrichtenagenturen und versucht im Verlaufe des Buches zeitgleich gleich zwei Fälle aufzuklären.

Das Buch spielt in einer Zukunft, in der es Deutschland, so wie wir es aktuell kennen, nicht mehr gibt. Statt Städten und Großstädten gibt es Megacities. Frankfurt/Main hat Berlin als Hauptstadt abgelöst und in Hessen sind Wetzlar und Gießen zu „Lahnstadt“ verschmolzen.

Algorithmen als Segen und Fluch

Was mich an der Dystopie unglaublich fasziniert hat, ist die Darstellung einer Zukunft, in der Algorithmen eine noch größere Rolle spielen als heute. Zoë Beck zeigt in ihrem Roman auf, wie eine Gesellschaft in Deutschland aussehen könnte, in der aktuelle Gedankenspiele und Entwicklungen gelebt werden. Im Buch hat jeder ein sogenanntes Smart Case, mit dem Gesundheitsdaten und Aktivitäten überwacht werden. Dies ist an ein Punktesystem geknüpft, das mich stark an den „Citizen Score“ in China erinnert hat, in dem Bürger bewertet und dann belohnt und bestraft werden. In „Paradise City“ bedeutet das: Wer Sport treibt, bekommt eine bessere Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig stützen sich auch Wohnungs- und Arbeitsmarkt auf diese Krankenakten. Vielleicht noch akzeptabel, solange man gesund ist. Aber willst Du das?

Das System… denkt mittlerweile konsequent, dass Menschen unter einem bestimmten Maß an Gesundheit so fehlerhaft sind, dass sie entsorgt gehören.

S. 269

Willst Du das? Ich finde das ziemlich ekelerregend und vor allem unglaublich unmenschlich. Hier schließt sich der Kreis zu 2020 ein Stück weit – zumindest musste ich an die Corona-Argumente Einzelner denken, dass die Risikogruppen ja ohnehin nicht mehr lange zu leben haben oder so ähnlich. Unfassbar.

Im dystopischen Deutschland gibt es außerdem eine quasi kontinuierliche Videoüberwachung:

Wer das Haus verlässt, erklärt sich automatisch bereit, videoüberwacht zu werden, weil öffentlicher Raum videoüberwacht werden darf.

S. 136

China spielt immer wieder eine Rolle. Allerdings nicht direkt als Weltmacht, sondern eher als Einfluss. So gibt es in Lahnstadt eine chinesische Leica-Siedlung.

Spannend fand ich auch diese Einschätzung:

Man sagt, wenn es kein Chinarestaurant mehr gibt, dauert es nicht lange, und der Ort wird zur Geisterstadt.

S. 237

Mein Fazit

„Paradise City“ ist eine interessante Dystopie, die in die Zeit passt. Viele der Szenarien bieten Denkanstöße, in was für einer Welt wir leben wollen. Ich bin außerdem immer fasziniert davon, wenn Autoren real Existierendes umbenennen, damit es besser in die Zeit passt. So gibt es im Buch kein „Facebook“ aber ein „Gemeinschaftsnetz“, in dem – ähnlich wie heute – Kinder oft schon gleich nach der Geburt angelegt werden. Dieser Stil hat mich an „NSA“ erinnert.

Doch so gut mir die Gestaltung der Welt und der Entwurf der Szenarien gefiel, so sehr war ich mit der Hintergrundgeschichte überfordert. Es war teilweise einfach ein bisschen viel für ein Buch das nur 280 Seiten hat: Neben dem Gesundheitssystem und unabhängigen Medien geht es auch um den Klimawandel und Wölfe in der Uckermark – ich musste sofort an „Brandenburg“ von Rainald Grebe denken, den Ohrwurm bekommst Du hier quasi to go.

Du wirst Paradise City mögen, wenn

  • Du „was wäre, wenn“-Szenarien spannend findest
  • Du „NSA“ von Andreas Eschbach mochtest
  • Du Lust auf einen nicht alltäglichen Thriller hast

Ich gebe Paradise City 3 1/2 von 5 Überwachungskameras.

Hast Du das Buch schon gelesen? Kommt es auf Deinen Wunschzettel? Oder hast Du eine Empfehlung für mich? Ich freue mich auf Deinen Kommentar.

2 Gedanken zu “Paradise City: Eine Rezension

  1. oh ich glaube, so ein Buch ist leider eher nichts für mich, vor allem, weil dieses Jahr schon so anstrengend und anders ist und so viele negative Dinge sich entwickeln und ich dann eher der Typ bin, der positive Dinge lesen und sehen mag, um all das andere zu schaffen liebe Grüße Gaby

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  2. Liebe Carina,
    ich lese solche Bücher nicht so gern. Vielleicht, weil ich mir nicht vorstellen mag, dass es so etwas geben könnte. Vielleicht, weil ich mir kein Bild aufbauen könnte, weil es für mich ein solches nicht gibt…
    Aber ich finde eine solche Buchvorstellung auch interessant, eben gerade oder auch weil ich es nicht so gerne lesen würde.
    Habe einen schönen Tag und liebe Grüße
    Nicole

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