Kanada: Eine literarische Reise

In diesen Tagen findet die Frankfurter Buchmesse statt – größtenteils virtuell. Das Gastland ist in diesem Jahr Kanada. Und wenn Du hier schon eine Weile mitliest, weißt Du auch, dass Kanada meine zweite Heimat ist. Dass ich vorzugsweise auf Englisch lese, ist Dir sicher auch nicht ganz neu. Ich nehme Dich mit auf eine kurze literarische Reise durch die kanadische Gegenwartsliteratur und stelle Dir meine fünf Lieblingsbücher kanadischer Autorinnen vor.

Recipe for a Perfect Wife

„Recipe for a Perfect Wife“ ist 2020 erschienen und stand schon seit letztem Jahr auf meiner Wunschliste. Unter anderem, weil Robyn Harding und Marissa Stapley es schon lobten – und auf deren Empfehlungen ist Verlass.

Karma Brown hat das Buch in zwei Erzählsträngen aufgebaut. Alice zieht 2018 mit ihrem Mann in ein Haus, das sie gar nicht will und baut ein Leben auf, das nicht wirklich zu ihr passt. Von der einst erfolgreichen Publizistik-Karrierefrau wandelt sie sich zum sprichwörtlichen „Heimchen am Herd“ und wundert sich selbst vielleicht am meisten über ihre Verwandlung. Das Haus aus den 50er Jahren war einst das Zuhause von Nellie, deren Kochbuch Alice findet. Durch die Rezepte und alte Briefe, die nie abgeschickt wurden, entdeckt sie immer mehr Parallelen zwischen ihrer beider Leben. Ein herrliches Debüt! Für mich als frisch Verheiratete haben die unterschiedlichen Perspektiven auf die Ehe von Nellie und Alice, aber auch die zitierten Ratschläge für „perfekte“ Ehefrauen mich zum nachdenken angeregt, was Liebe, Ehe und Familie wirklich bedeuten.

Don’t expect your husband to make you happy while you are simply a passive agent. Do your best to make him happy and you will find happiness yourself. – Blanche Ebbutt Don’t for Wives (1913)

Karma Brown „Recipe for a Perfect Wife“ S. 153

Die Dynamik zwischen Mann und Frau in den 50er Jahren waren ein spannender Perspektivwechsel. Und so gern ich die Mode der 50er mag, so unglaublich weit weg wirkt das Frauenbild der Zeit. Achtung – die vielen Rezepte im Buch machen beim Lesen hungrig 😉

The Party

Robyn Hardings „The Party“ ist ein herrlicher Young Adult-Roman. Der Autorin gelingt mit einer fesselnden Geschichte der Spaget zwischen „selbst schuld“ und mal „ach komm, das hast Du jetzt aber auch nicht verdient“ dachte. Ich mochte es, weil sich meine Solidarität mit einzelnen Charakteren mal in die eine und mal in die andere Richtung lenken ließ – ein ganz klares Zeichen gut gemachter Perspektivenwechsel.

„My mom says your mom is more worried about her previous reputation than anything else,“ Lauren relayed. … She says your parents brought this on themselves.

Robyn Harding „The Party“ S. 142

Das Buch öffnet die Augen dafür, wie schnell alles was eben noch sicher wirkte, verloren sein kann, worauf es in Freundschaften wirklich ankommt und was im Leben wirklich zählt. Du wirst es mögen, wenn Dir die Bücher von Celeste Ng oder John Green gefallen.
Meine Rezension von „The Party“ findest Du hier.

Things To Do When It’s Raining

Marissa Stapley hat mit „Das Glück an Regentagen“ ein herrliches Buch geschrieben, das wunderbar zum aktuellen Herbstwetter passt. Es geht um Hoffnung, Liebe und Heimat.

Sie hatte lange genug an einem Fluss gelebt, … um zu wissen, dass man zugreift, wenn einem jemand einen Rettungsring zuwirft.

Marissa Stapley „Das Glück an Regentagen“ S. 203

Mir hat Marissa Stapley mit dem Roman ganz viel Lust auf Kanada, Urlaub und Entspannung gemacht. Sie hat mir die Augen geöffnet, dass es eben doch kein schlechtes Wetter gibt, sondern alles eine Frage der Einstellung ist – ja gut, und der Kleidung halt auch.
Meine Rezension von „Das Glück an Regentagen“ findest Du hier.

The Handmaid’s Tale

„Der Bericht der Magd“ (ein furchtbarer Titel auf Deutsch) wurde zwar schon 1985 veröffentlicht, ist aber seit 2017 wieder aktuell – Hulu hatte das Buch als Serie mit Elisabeth Moss verfilmt. 2019 ist das Folgebuch „The Testaments“ („Die Zeuginnen“) erschienen. „The Handmaid’s Tale“ ist eine wunderbare Dystopie – und manchmal brauchen wir das Schreckliche einfach.

The night is mine, my own time, to do with as I will, as long as I am quiet. As long as I don’t move. As long as I lie still.

Margaret Atwood „The Handmaid’s Tale“ S. 47

The Stone Angel

Mit „The Stone Angel“ ist Margaret Laurence ein kanadisches Meisterwerk gelungen. Der Roman wurde 1964 veröffentlicht, und in diesem Jahr auf Deutsch („Der steinerne Engel“) in einer Neuübersetzung erschienen. Ich habe das Buch 2002 in Kanada im Englischunterricht gelesen und es ist voller Notizen und Markierungen. Die Hauptfigur, Hagar, ist eine Frau in ihren Neunzigern, die auf den ersten Blick verhärmt und ziemlich fies wirkt.

Really, what a common woman. Doesn’t she think of anything except her stomach? It’s revolting. How can I get her to go away?

Margaret Laurence „The Stone Angel“ S. 102

Doch nach und nach lernen wir als Leser, dass auch Hagar nicht als fiese Zicke auf die Welt gekommen ist. Sie ist von Stolz getrieben und oft genug stand und steht sie sich damit selbst im Weg. Sie ist fies zu ihrer Schwiegertochter, die gleichzeitig mindestens ebenso fies und empathielos mit ihr umgeht. Margaret Laurence hat eine facettenreiche Figur geschaffen und es fällt schwer, nicht mit ihr mitzufühlen. Keine leichte Unterhaltung, aber ein langsames, stilles Buch.

Bei Alexandra vom Read Pack Blog gibt es eine ausführliche Rezension zur deutschen Neuübersetzung.

2 Gedanken zu “Kanada: Eine literarische Reise

  1. Liebe Carina,
    tolle Bücher, die du uns ans Herz legst. Zwei davon nehme ich auf jeden fall auf meine endlose Liste. The handmaids tale habe ich angefangen, mit unserer Tochter zu schauen- ich fand es grauenvoll. Aus vielen Gründen. Deshalb wird es den Weg zu mir wohl nicht finden.
    Danke für die schönen Ideen und einen schönen Sonntag,
    Nicole

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    • Liebe Nicole, ja die Serie ist schon krass. Ich habe allerdings den Eindruck, dass sie nochmal deutlich mehr auf den US-Markt und die aktuelle Politik abgestimmt war als das Buch aus den 80ern. Ich habe seit Monaten das zweite Buch hier liegen, habe es aber noch nicht gelesen.

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