Rezension: Cleo McDougal regrets nothing

Im August 2020 ist „Cleo McDougal regrets nothing“ von Allison Winn Scotch erschienen. In ihrem achten Roman geht es um Cleo McDougal, eine Senatorin aus dem Staat New York und ehemalige Kongressabgeordnete, alleinerziehende Mutter und mögliche Präsidentschaftskandidatin.

Das Buch spielt in Washington, D.C. – klar, im Zentrum der US-amerikanischen Politik. Da Cleo McDougal aber Abgeordnete aus dem Staat New York ist, begleiten wir sie auch dorthin und nach Seattle, wo sie aufgewachsen ist. Praktisch, wenn man gerade nicht durch die USA reisen kann (und will).

Eine geborene Politikerin

Das Buch ist kaum ein Kommentar zur aktuellen US-Politik, auch wenn es natürlich schwer ist, den aktuellen US-Wahlkampf beim Lesen komplett auszublenden. Vielmehr geht es um Frauen. Cleo hatte es im Leben nicht wirklich leicht – was sie in ihrer Introspektion auch nicht müde wird, zu betonen. Sie hat als Teenager ihre Eltern verloren, darüber auch ihren Freund und wird während ihres Studiums schwanger und alleinerziehende Mutter eines Sohnes.

Im Klappentext wird Cleo McDougal als geborene Politikerin beschrieben, aber ich finde, dass das nicht so ganz stimmt. Sie wirkt und beschreibt sich auch selbst als extrem zielstrebig. Vielleicht sogar zu zielstrebig, um auch noch ein Privatleben zu haben. Manchmal auch zu streng mit sich selbst, um sich Freude zu gönnen. Sie arbeitet hart, scheut sich, um Hilfe zu bitten, hat Angst davor, sich angreifbar zu machen. Durch ihren fast schon obsessiven Drang nach Perfektion wirkt sie mitunter extrem unnahbar.

Muss eine Hauptfigur sympathisch sein, um sich mit ihr zu identifizieren?

Cleo ist ohne Zweifel eine erfolgreiche Frau. Sie hat einiges in ihrem Leben geschafft. Sie hat sich schon als Teenager hohe Ziele gesetzt, die sie fast immer erreicht hat. Und das hat natürlich seinen Preis. Im Buch geht es um Freundschaften und Beziehungen, die auf der Strecke geblieben sind – aber auch ein Stück Persönlichkeit. Sie ist so effizient, dass es schwer sein kann, sich mit ihr zu identifizieren (oder das zu wollen).

She’d worked her whole life to be tougher than anyone expected

Cleo McDougal regrets nothing, S. 181

Allison Winn Scotch ist mit ihrer Hauptfigur etwas Ungewöhnliches gelungen. Sie hat jemanden erschaffen, die nicht unbedingt sympathisch ist, mit deren Erfahrungen ich mich aber dennoch identifizieren konnte. Viele von Cleos Gedanken kenne ich gut:

She knew that, especially for women, clothes told your story before you even opened your mouth, and she had a story to tell today.

Cleo McDougal regrets nothing, S. 165

Diese Geschichte entwickelt sich zum Nebenschauplatz. Ähnlich wie die #metoo Bewegung spaltet sie die Gesellschaft, führt aber auch zu einem stärkeren Zusammenhalt von Frauen untereinander.

Zu diesem Roman gibt es nur eine perfekte Tasse – die Präsidentenversion aus der Bibliothek von Jimmy Carter in Georgia.

Was macht eine starke Frau eigentlich stark?

Ich habe früher selber im politischen Umfeld gearbeitet und arbeite seit mehr als zehn Jahren in „Männerdomänen“. Viele der Gedanken, die sich Cleo macht, konnte ich sehr gut nachvollziehen. Und mit Sicherheit legt eine medial so präsente Position wie als Senatorin und insbesondere als mögliche Präsidentschaftskandidatin da noch die ein oder andere Schippe drauf. Bei einigen Aussagen und Gedanken von Cleo musste ich schmunzeln, andere haben mich sehr nachdenklich gemacht.

Ein Satz hat sich besonders eingeprägt:

I’m not hashtag Team Woman for women who suck

Cleo McDougal regrets nothing, S. 260

Auch ich halte nicht viel von Frauenförderung nur um des Geschlechts willen. Wenn eine Frau Potential und Biss hat, ihr aber das Selbstbewusstsein, die Erfahrung oder das Netzwerk fehlen, setze ich mich für sie ein. Aber ich fördere keine Frauen des Prinzips wegen, nur weil sie einen BH statt einer Krawatte tragen.

Muss eine starke Frau fies sein?

Im Roman gibt es neben Cleo vier weitere Frauen, die herausstechen. Sie zeigen, dass es möglich ist, tough zu sein, ohne garstig zu wirken. Cleos ehemalige beste Freundin aus der Schulzeit, MaryAnne, gibt überhaupt erst den Anstoß zur Geschichte mit einem Leitartikel in der Zeitung. Cleos Chief of Staff Gaby ist aus meiner Sicht eine der interessantesten Charaktere im Buch. Sie ist tough und offenbar richtig gut in ihrem Job. Sie trainiert „nebenbei“ für einen Marathon, ernährt sich gesund – kommt aber anders als Cleo nicht so fies rüber. Cleos Schwester Georgie taucht selten auf, aber ich habe schnell gemerkt, dass die Animositäten eigentlich eher auf gegenseitigem (unausgesprochenem) Respekt beruhen. Arianna, eine junge Mitarbeiterin, offenbart einen Einblick in die junge Cleo. Sie ist nicht direkt unsicher, entschuldigt sich aber relativ häufig – auf mich als Leserin wirkte das höflich und dem Amt der Senatorin angemessen, doch Cleo bläut ihr ein, sich nicht zu entschuldigen und will sie fördern.

Cleo weiß, dass sie im Laufe ihrer Karriere nicht immer nur „nett“ war. Der Leitartikel von MaryAnne steht nicht grundlos unter der Überschrift „Cleo McDougal is not a good person“. Doch stimmt das so? Das politische Umfeld hat immer einen Hauch von „backstabbing“ (und wieso ist das Wort ist im Englischen so viel präziser als ein deutsches „hinterhältig“ oder „hinterlistig“?). Immerhin ist an der Steigerung „Freund – Feind – Parteifreund“ aus meiner Erfahrung einiges dran. Was mir gerade vor diesem Hintergrund extrem gut gefiel, war die Empathie zwischen einigen der Frauen in Washington.

It was amazing… how society had done this – conditioned women to eat their own likenesses so they didn’t realize that if they banded together, they’d be unstoppable.

Cleo McDougal regrets nothing, S. 166

Cleo McDougal bereut nichts

Cleo McDougal bereut nichts, sagt der Titel. Und doch ist das Buch ganz weit entfernt von Edith Piafs „Je ne regrette rien“. Cleo bereut einiges. Auf ihrer Liste der Dinge, die sie bereut, stehen 233 Punkte. Aus meiner Sicht bildet diese Liste jedoch nur den Rahmen des Romans. Vor dem Hintergrund dieser Liste geht es vielmehr um die Frage, an welchen Weichenstellungen des Lebens alles anders hätte sein können. Aus meiner Sicht hängt sich Cleo teilweise an Kleinigkeiten auf und als sie ihre Liste nach Jahren erstmals durchgeht, weiß sie mit einigen Punkten gar nichts mehr anzufangen. Für mich ist das Buch ein Aufruf zum Nachdenken, was anders hätte laufen können, aber auch zur Dankbarkeit, was aus genau oder eben trotz dieser Erfahrungen richtig gut geworden ist. Der Roman erinnert auch daran, dass das Leben anderer von außen oft perfekter wirkt als es ist. (Hallo Insta-perfekte Welt!) Etwas vorhersehbar lernt Cleo, dass es ok ist, sich verwundbar zu machen und Schwäche zu zeigen. Und sein wir mal ehrlich: Wer als Präsidentschaftskandidatin der USA gehandelt wird, kann so viel nicht falsch gemacht haben.

Mein Fazit

Du wirst „Cleo McDougal regrets nothing“ mögen, wenn Du

  • starke Frauen magst
  • weißt, dass Fehler ok sind, solange Du an ihnen wächst
  • zumindest marginales Interesse an Politik hast
  • nicht extrem viel Romantik in einem Buch brauchst
  • immer mal wieder inne hältst und überlegst, wie Dein Leben noch hätte verlaufen können
  • auch nur im Nachhinein einen wirklich roten Faden im Leben hast:

Ich gebe „Cleo McDougal regrets nothing“ 3 1/2 von 5 Präsidentensiegeln.

Was liest Du gerade? Kommentiere unter dem Beitrag, welches Buch dringend auf meinen Lesestapel muss.

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