Es gibt keine Versehen

„Bitte was? Sag mal, geht’s noch?“ denke ich mir. Da schreibt mich ein Mann in einem professionellen Netzwerk an mit „Hallo Herr…“. Hä? Ich hinterfrage mein Foto (eindeutig weiblich), bin irritiert. Ob er wohl denkt, dass meinen Job nur Männer machen können? Nach einem weiteren Schluck Kaffee: „vielleicht war es nur ein Versehen. Vielleicht kam in dem Moment, als er zu tippen ansetzte, ein Kollege, männlich, in den Raum. Vielleicht arbeitet er nur mit Männern zusammen und „Hallo Herr…“ ist schon so in seinem Kopf verankert. Ich kenne das, ich habe jahrelang nur an die „sehr geehrten Herren“ geschrieben. Dennoch liegt es mir erstmal quer im Magen. Denn wer Kontakt aufnimmt, sollte eigentlich wissen, mit wem er es zu tun hat beziehungsweise haben will.

Der menschliche Makel

Kürzlich sprach ich mit einer Kollegin über Fehler. Irgendwann sagte sie: „ist Dir eigentlich mal aufgefallen, dass es keine Versehen mehr gibt?“ Und sie hat Recht. Wann lief bei Dir im Umfeld in letzter Zeit etwas schief und es wurde sofort als Absicht ausgelegt? Kollegin A hat Dich nicht zur Besprechung eingeladen, das muss persönlicher Hass sein. Kollege B hat allen anderen das witzige Meme geschickt, aber Dir nicht. Er hält Dich halt für humorlos. Freundin C hat Dir ein Lavendel-Set geschenkt und Du kannst Lavendel auf den Tod nicht leiden. Wie gedankenlos.

Alle sind gegen mich

Kennst Du das auch? Wieso gehen wir eigentlich davon aus, dass uns die Leute um uns herum erst einmal nur böses wollen? Warum ist das so? Ich glaube nicht, dass das schon immer so war.

Fotoquelle: Tyler Nix auf Unsplash

Besonders fies und unnachgiebig wird es (oder werden wir?), wenn wir die andere Person gar nicht kennen. Auf Instagram gibt es einen Account, der meinem dem Namen nach ähnlich ist – und eben nur dem Namen nach. Im Rahmen der #meinetassekaffeelang Challenge ist es zwei Mal vorgekommen, dass er und nicht ich markiert wurde. Beide Male antwortete er auf den jeweiligen Beitrag extrem aggressiv und schrieb „Nimm mich sofort aus dem Post, sonst wirst Du gemeldet“ und „Es gab nie eine Challenge. Das ist Spam der übelsten Sorte. Schäm dich die Profile anderer zu benutzen ohne zu fragen. Pfui“. Pfui ist hier aus meiner Sicht vor allem sein Ton, der unter aller Kanone ist, aber auch die fehlende Kommasetzung. Beide Posts bezogen sich klar auf den gleichen Hashtag, es war total offensichtlich, dass es ein Versehen war. Meine Teilnehmerinnen blieben beide ruhig, kommentierten, dass es ein Versehen war und schrieben ihm, dass sein Ton auch freundlicher ausfallen dürfe. Beide ließen auch seinen Kommentar stehen, denn letztlich sagt so ein Ton mehr über ihn aus als über sie. Sie nahmen es mit Humor, eine schrieb mir sogar „der hatte heute wohl seinen Kaffee noch nicht“. Die Frage, warum man eigentlich Coffee im Handle hat, wenn das Konto damit rein gar nichts zu tun hat, verkneife ich mir an dieser Stelle. Auch, dass Kommentare dem Post noch mehr Sichtbarkeit verleihen… Aber gut, das würde zu weit führen.

Fotoquelle: Jan Antonin Kolar auf Unsplash

Wann sind wir als Gesellschaft so unausstehlich geworden? Und was gibt uns Anlass zum Gedanken, dass wir nicht nur in unserem, sondern auch im Universum aller anderen im Mittelpunkt stehen? Diesem Gedankengang nach müsste sich alles nur um uns drehen – aber gleichzeitig sind auch alle gegen uns. Also ganz ehrlich, in so einer Welt möchte ich nicht leben.

Ich bin auf Deine Kommentare gespannt:

Was war Dein letztes Versehen? Wem bist Du auf den sprichwörtlichen Schlips getreten? Wie reagierst Du in solchen Situationen?

5 Gedanken zu “Es gibt keine Versehen

  1. Schöner Beitrag. Ich würde es aber zum einen nicht so schwarz-weiß malen wollen und zum anderen zwischen Sozial Media und „echtem“ Leben differenzieren wollen.

    In sozial Media wird eher mal blind draufgeschlagen. Oft wird der Mensch nicht mehr gesehen und die Menschlichkeit darüber vergessen. Aber sowohl in sozial Media, als auch im.echten Leben begegnen mir durchaus empathische Menschen, die Fehler zugeben und ihr Versehen entschuldigen können. Ich bin zum Beispiel so eine… Aber ich muss auch diesen Selbstdarstellungskram nicht mitmachen, das entspannt ungemein 🙂

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  2. Hallo Carina,
    das ist mir auch schon aufgefallen. Es ist, als ob das Gegenüber mir sofort einen böswilligen Fehler unterstellt. Dass das oft mit Unwahrheit und Lügen einher geht ist für mich auffällig. Bei der Vermietung meiner Ferienwohnung auf Wiek ist mir das erst vor wenigen Tagen passiert. Weil die Gäste nachts aus irgendwelchen Gründen nicht schlafen können, sind es angeblich die Busse, die nachts an dem Haus vorbeifahren. Dabei fahren nach Fahrplanauskunft keine Busse mehr an der Linie zwischen 22 und 6 Uhr. Aber du hast absolut recht. Was jemand schreibt oder sagt, das gibt Auskunft über denjenigen, der es schreibt oder sagt und nicht über denjenigen, über den es gesagt wird. In diesem Sinne gilt auch der Satz: Deine Gedanken sind deine Gedanken und nicht meine.
    Liebe Grüße

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  3. Pingback: Meine Blogbilanz für 2020 | Coffee to stay

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