Rezension: Die Ladenhüterin

Der Einstieg

Der Convenience Store ist voller Geräusche. Begleitet vom Glockenklang beim Eintreten der Kunden, preist ein Promisternchen über Lautsprecher neue Produkte an. Dazu kommen die Stimmen der Angestellten, das Piepen beim Einlesen der Strichcodes, der dumpfe Aufprall, mit dem Waren in Körbe plumpsen, das Klacken von Absätzen und das Knistern von Brottüten. All das verbindet sich zu dem einen typischen Konbini-Klang, den ich stets im Ohr habe.

Ich habe schon lange keinen so intensiven Einstieg mehr gelesen. Sayaka Murata zerrte mich mit „Die Ladenhüterin“ von Anfang an direkt in die Handlung. Die Geschichte erzählt von Keiko, einer Außenseiterin. Die Studentin arbeitet als Hilfskraft in einem Konbini, einem kleinen 24-Stunden-Gemischtwarenladen, in einem Büroviertel – und das ändert sich auch die nächsten 18 Jahre nicht.

Nur über Japan zu lesen reicht nicht. Mit Sushi macht es noch mehr Spaß.

Was ist normal?

Vor der Eröffnung des Geschäfts werden die Mitarbeiter mit einem Handbuch und Videos in Begrüßung, Angeboten und Kundenservice geschult. „Zum ersten Mal wurden mir ein ’normaler Gesichtsausdruck‘ und eine ’normale Art zu sprechen‘ beigebracht“, sagt Keiko, die schon in der Grundschule Außenseiterin war. Ihr Verhalten ist anders als das der anderen Kinder, auch später in der Schule und an der Universität gehört sie nicht wirklich dazu. Im Konbini lernt sie Anpassung, sie trägt die gleiche Uniform wie ihre Kollegen, begrüßt die Kunden mit den gleichen Worten und alles hat seinen festen Platz – im Regal genau wie in ihrem Leben, wie es scheint:

»Herzlich willkommen!«, begrüßte ich ihn im exakt gleichen Tonfall wie die Dame zuvor. Zum ersten Mal war es mir gelungen, am normalen Leben teilzunehmen. Als wäre ich gerade erst geboren worden. Mein erster Tag im Konbini war mein Geburtstag als normales Mitglied der Gesellschaft.

Keiko lernt im Konbini „perfekt zu funktionieren“, sie imitiert geschickt den Stil, die Sprechweise und Eigenheiten ihrer Kolleginnen, weiß aber nicht wirklich, was die Gesellschaft von ihr außerhalb des Ladens erwartet. Mit Mitte 30 wird klar: Wer nicht verheiratet ist, keine Kinder hat und/oder einen tollen Job hat, mit der stimmt doch was nicht.

Mittlerweile wurde ich innerhalb von zwei Wochen vierzehn Mal gefragt, warum ich nicht verheiratet sei. Und zwölf Mal, warum ich keinen richtigen Beruf hätte. Das wurde mir allmählich zu viel, also wollte ich zunächst versuchen, dem ein Ende zu setzen. Irgendeine Veränderung musste her. Ganz gleich, ob zum Guten oder zum Schlechten, alles wäre besser als diese festgefahrene Situation.

Keiko lernt Shiraha kennen, einen weiteren Außenseiter, den ich ganz ehrlich überhaupt nicht ausstehen konnte. Immer wieder musste ich daran denken, dass er in Deutschland vermutlich ein „Aluhutträger“ wäre.

Ich habe auf kurzen 160 Seiten geschmunzelt, gelacht und innegehalten. Denn so traurig die beschriebenen Szenen manchmal waren, umso komischer waren sie von außen betrachtet:

Das Baby fing an zu weinen. Um es zu beruhigen, wiegte meine Schwester es eifrig. Mein Blick fiel auf das kleine Messer, mit dem wir den Kuchen zerteilt hatten. Ich fand, dass sie es sich sehr schwer machte. Dabei wäre es doch so einfach, es ruhigzustellen.

Mein Fazit

Sayaka Murata ist mit „Die Ladenhüterin“ ein unterhaltsamer, schnell zu lesender Roman gelungen. Die Autorin hat selbst einmal in einem Konbini gearbeitet und dort offenbar exzellent aufgepasst. Ihre Beschreibungen von Geräuschen, Abläufen und Momentaufnahmen haben mich absolut in ihren Bann gezogen. Zurück bleibt die Frage danach, was eigentlich normal ist und wer das definiert. Wieviel wollen und müssen wir uns von der Gesellschaft vorschreiben lassen? Wiegt eigene Zufriedenheit schwerer als externe Erwartungen?

Sicherlich sind die gesellschaftlichen Erwartungen in Japan noch etwas traditioneller und rigider als etwa in Deutschland. Der Konbini als Parabel auf die Gesellschaft ist genial. Ist es nicht so, dass Singles in einem gewissen Alter von der Gesellschaft als bemitleidenswert dargestellt werden, immer wieder mit einem „was stimmt mit denen nicht“ zwischen den Zeilen? Der Roman ist jedoch kein feministisches Pamphlet mit Agenda, vielmehr regt er dazu an, nachzudenken.

Mit der Übersetzung des Titels in „Die Ladenhüterin“ hat Übersetzerin Ursula Gräfe großartige Arbeit geleistet. Sie übersetzt übrigens auch Haruki Murakami ins Deutsche. Und falls Du Dich fragst, was ein Konbini genau bietet, empfehle ich Dir diesen Beitrag.

Du wirst „Die Ladenhüterin“ mögen, wenn

  • Du gerne mit allen Sinnen in andere Welten eintauchst
  • Du (wie ich) noch vom Urlaub in Japan träumst
  • Du angeblich in Stein gemeißeltes in Frage stellst
  • Du „Mit Staunen und Zittern“ von Amélie Nothomb mochtest

Ich gebe „Die Ladenhüterin“ 4 1/2 von 5 Sushirollen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.