Allein unter Männern, allein unterschätzt

Die einzige Frau im Raum

Vor knapp zehn Jahren habe ich für eine Abgeordnete im Verteidigungsausschuss gearbeitet –  in einer sehr männerlastigen Domäne. Und das auch, obwohl Frauen seit 20 Jahren in der Bundeswehr als Soldatinnen Dienst an der Waffe tun dürfen.

Die Arbeit hat mir riesigen Spaß gemacht, doch so manche Abendveranstaltung war anfangs ungewohnt. Irgendwann habe ich mir einen Spaß daraus gemacht, von den männlichen Gesprächspartnern als „nur Frau“ erst einmal unterschätzt zu werden – nur um sie dann mit Fachwissen zu irritieren. Auch heute noch nutze ich das gerne zu meinem Vorteil. Ich weiß, wie es ist, die einzige Frau im Raum zu sein. Wahrscheinlich hat mich genau deshalb das Buch von Marie Benedict angelacht, als ich Ende 2019 mit meiner Schwägerin lange Kreise durch eine Buchhandlung in Florida drehte.

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„The only woman in the room“: Eine Rezension

Marie Benedict ist bekannt dafür, historische Romane über starke Frauen zu schreiben. „The only woman in the room“ war das erste Buch, das ich von ihr gelesen habe, aber sicher nicht das Letzte.

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Hedy Lamarr 1944, eine Tasse Kaffee 2020

Viele Leser werden sicher Hedy Lamarr kennen, österreichisch-amerikanische Schauspielerin der 30er bis 50er Jahre und Erfinderin. Kurioserweise kannte ich nicht sie, sondern die Rüstungsfirma ihres ersten Mannes Fritz Mandl – die Hirtenberger Patronenfabrik gibt es bis heute. Hedy beziehungsweise Hedwig ist eine hübsche junge Frau, die weiß, was sie will – aber zum Schutz ihrer Familie einen älteren Mann heiratet, von dem sie schnell lernt, dass die liebevolle, freundliche Fassade nicht immer dem Bild hinter den Szenen gleicht. Ihr Mann Fritz macht aus ihr ein „Vorzeigeweibchen“, ein „Trophy Wife“: bei Essen und Bällen mit hochrangigen Gästen soll sie hübsch und vor allem still sein.

Mehr als eine Trophäe

Doch die als Jüdin geborene Hedwig hört nicht nur mehr, als sie soll, sie versteht auch deutlich mehr als ihr Mann ahnt. Und mit der zunehmend gefährlichen Situation in Deutschland und Österreich, aber auch in ihrer Ehe macht sie sich darüber Gedanken, ob sie etwas tun kann – und was.

Der Roman folgt der bekannten österreichischen Schauspielerin in die USA, wo sie sich eine Karriere in Hollywood von Grund auf erarbeiten muss. Ihre Schönheit wird porträtiert, ihr Intellekt wird skizziert, ihr absoluter Wille und das Potential etwas zu bewegen, ebenso. Und erneut scheitert sie daran, dass sie „nur“ eine Frau ist. Es ist klar, dass ihr Facettenreichtum wichtig ist, dennoch hätte ihr herabgewürdigter Intellekt und ihre Frustration darüber aus meiner Sicht etwas mehr Raum verdient.

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Fazit

Nach intensiver Beleuchtung ihrer Schauspielkarriere, ihrer Beziehungen und einem Einblick in ihr Seelenleben, kommt ihre bahnbrechende Erfindung, von der wir alle bis heute täglich profitieren, deutlich zu kurz. Ich hätte mir gewünscht, dass das Buch nicht nur die 30er und 40er Jahre, sondern auch die Nachkriegszeit stärker behandelt. Nach intensiver und detailreicher Beschreibung Hedwigs Zeit in Österreich und einer zumindest gefühlt kürzeren Behandlung ihres Lebens in den USA endet „The only woman in the room“ aus meiner Sicht etwas abrupt. Gleichzeitig bietet Marie Benedict mit ihrem Buch eine großartige Grundlage für weitere Recherchen. Ich bin übrigens auch die, die immer wissen will, wie es nach dem Ende eines Films weitergeht…

Du wirst das Buch mögen, wenn Du Dich für starke, inspirierende Frauen interessierst. Hedy Lamarr taugt durchaus als Vorbild, um Mädchen und jungen Frauen zu zeigen, dass es möglich ist, hübsch, intelligent und engagiert zu sein.

Ich gebe „The only woman in the room“ dreieinhalb von fünf Oscars und bin gespannt darauf, weitere Bücher von Marie Benedict zu lesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu “Allein unter Männern, allein unterschätzt

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