Warum wir das Schreckliche brauchen

Das fiktive Schreckliche

Eine Dystopie ist der Definition nach eine Geschichte, die (beispielsweise) in der Zukunft spielt und häufig einen negativen Ausgang hat.

Besondere Merkmale sind für mich außerdem, wenn „die Falschen“ Machthaber über „die Richtigen“ sind, wenn „der kleine Mann“ mit Gewalt oder psychischem Druck klein gehalten werden soll und wenn die Welt, in der die Handlung spielt, unserer nicht ganz fern ist. All das ist immer irgendwie faszinierend, denn für mich kommt dabei immer wieder der „was wäre, wenn“ Gedanke auf.

Meine Top 5 der besten Dystopien

NSA von Andreas Eschbach

Andreas Eschbach beschreibt in NSA die fiktive Situation eines Dritten Reichs, in dem eine totale Überwachung durch Internet, E-Mails, Handys und Social Media möglich war. Dass er dabei immer wieder auf reale Begebenheiten eingeht, macht das Szenario extrem realistisch und furchtbar gruselig. Mir gefiel das (gekürzte) Hörbuch, gelesen von Laura Marie, auf Spotify.

Flawed – Wie perfekt willst Du sein? von Cecelia Ahern (Teil 1)

Flawed ist die erste Hälfte der zweiteiligen Dystopie von Cecilia Ahern. Ich war zunächst skeptisch, kannte ich die Bücher der Autorin doch eher als romantische Geschichten. Doch sie hat eine wunderbare Dystopie entworfen, in der weniger das Böse die Gesellschaft unterdrückt, sonderbar vielmehr das vermeintlich Gute. Im Mittelpunkt stehen die 17-jährige Celestine North und eine Gesellschaft, in der Moral so hoch gehängt ist, dass Fehler nicht geduldet werden und von einer Gilde mit Brandmalen und Ausgrenzung bestraft werden. Ich mochte das Hörbuch auf Spotify.

Perfect – Willst Du die perfekte Welt? von Cecelia Ahern (Teil 2)

Auch Perfect, Teil Zwei der Dystopie dreht sich um Celestine North, die auf der Flucht vor dem obersten Richter ist. Wem kann sie wirklich trauen? Wie fehlerhaft sind die Fehlerhaften? Wie perfekt ist die Gilde? Ich war absolut begeistert vom Zweiteiler und bin immer noch irritiert davon, dass ich diese Bücher bei ihrer Veröffentlichung 2016 und 2017 nicht bemerkt habe. Auch diesen Teil habe ich auf Spotify gehört.

Vox von Christina Dalcher

Im letzten Jahr hat Christina Dalcher den großartigen internationalen Bestseller Vox veröffentlicht. Darin geht es um ein Regime in den USA, in dem Frauen pro Tag nur noch 100 Wörter sprechen dürfen und auch sonst auf ihre Rolle im Haushalt reduziert werden, ohne ihren Karrieren oder kritischen Gedanken nachgehen zu können. Dystopie und Thriller gleichermaßen.

The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood

Nach der Wahl von Präsident Trump wurde ein Buch plötzlich wieder verkauft wie geschnitten Brot: The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood (mit dem auf Deutsch unmöglichen Namen Der Bericht der Magd – das klingt für mich wie Buchführung auf einem Bauernhof).

Die Dystopie spielt in den USA beziehungsweise in Gilead. Das Buch wurde schon 1985 veröffentlicht, erfuhr aber nach über 30 Jahren einen enormen Hype. Hulu hat 2017 das Buch als Serie (sehr grafisch) mit Elisabeth Moss in der Hauptrolle verfilmt. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, das Buch vor über zehn Jahren gelesen zu haben. In diesem Jahr ist das Folgebuch The Testaments (auf Deutsch Die Zeuginnen) erschienen, das schon auf meinem Lesestapel liegt.

Was wäre, wenn…?

Mir gefallen Dystopien, die nah an der Realität sind, also nicht unbedingt in einer Parallelwelt mit Monstern oder Aliens spielen. Insbesondere bei NSA war ich fasziniert und schockiert gleichermaßen von den wahren Begebenheiten, die Eschbach immer wieder in die Geschichte eingebaut hat.

Aber auch die Arbeit mit Sprache macht für mich eine gute Dystopie aus. Vox habe ich im englischen Original gelesen. Christina Dalcher ist Linguistin, das merkt man sofort an ihrem eleganten Spiel mit der Sprache. Nicht nur, dass sie in die Erzählungen von Jean, deren Eltern aus Italien stammen, italienische Wörter einfließen lässt (die Autorin spricht selbst Italienisch), sie achtet darauf, dass ihre Hauptfigur Jean die Dinge beim Namen nennt – nicht bei den Begriffen, die die Regierung sich ausgedacht hat.

Ich denke beim Lesen oder Hören gerne darüber nach, wie nah oder fern wir einer Dystopie sind – gerade mit den politischen Entwicklungen in einigen der letzten Landtagswahlen in Deutschland als Kontext. Immerhin beginnt eine gute Dystopie mit wenigen kleinen gesellschaftlichen oder politischen Änderungen, die gefühlt von jetzt auf gleich zu völlig inakzeptablen Situationen führen. Um uns daran zu erinnern, wie gut es uns geht, brauchen wir das Schreckliche. Hoffentlich lernen wir daraus.

Liest Du Dystopien? Hast Du einen Favoriten?

3 Gedanken zu “Warum wir das Schreckliche brauchen

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