Reiß Dich zusammen – bist Du ok, wie Du bist?

Kleine, große Dramen

Facebook erinnert mich täglich an das, was war. Mal sind das tolle Erinnerungen, mal sind sie eher schmerzhaft und manchmal denke ich mir „aha, das war mir also vor 13 Jahren wichtig.“ Facebook erinnert mich heute daran, dass ich seit etwas mehr als einem Jahr versuche, mit mir selbst freundlich zu sprechen. Klingt komisch? Nun ja. Oft sind wir selbst unsere schlimmsten Kritiker. Kleinigkeiten, die uns stören (und die anderen wahrscheinlich gar nicht auffallen), werden von uns zu riesigen Dramen aufgeblasen. Beispiel: Spontaner Besuch kommt und Du hast keinen frisch gebackenen Kuchen im Haus. Oder die Fenster sind nicht geputzt. Oder Du hast den Wocheneinkauf noch nicht geschafft und keine frischen Schnittblumen da.

Mein innerer Drill Sergeant

Die Stimme in meinem Kopf war über Jahre nicht super freundlich – sie bekam auch von außen genug Futter, um ein ziemlich destruktiver Kritiker zu sein. Mehr so ein Drill Sergeant vom Typ „Reiß Dich zusammen, Du Versager“ und weniger der Mentor, der mir gut zuredet.

Seit vielen Jahren arbeite ich mit Sprache(n). Ich bin der Meinung, dass sich mit der richtigen Wortwahl bestimmte Ergebnisse erzielen lassen. Ich bin überzeugt, dass Worte genauso weh tun können wie Schläge. Ich glaube, dass wir mit positiven Worten mehr erreichen können als mit negativen Gedanken: „Ich schaffe das“ statt „Ich kann das nicht“. Und ja, vielleicht kann ich es nicht. Oder kann ich es einfach noch nicht? Überleg mal: Wie oft am Tag sagst Du zu Dir „Du bist ja so doof“ oder „Das kann ja nur Dir passieren“? Öfter als Du denkst. Würdest Du so mit Deiner Mutter reden? Mit einer Freundin, der es schlecht geht? Mit Deinem Patenkind? Hoffentlich nicht. Aber Dir selbst mutest Du diesen ganzen Hass zu. Warum?

Mein innerer Mentor

Als ich begann, positiv mit mir zu sprechen, bekam der innere Mentor eine Stimme: Ich habe vor zwei Jahren Akne bekommen. Von jetzt auf gleich. Ich hatte jahrelang makellose Haut, gerade als alle um mich herum in der pickeligen Teenie-Phase waren. Doch mit über 30 entschied mein Körper, dass das Häkchen bei „Teenie-Akne“ doch noch gesetzt werden könnte. Das war nicht schön. Also habe ich alles mögliche ausprobiert, von Naturkosmetik über ignorieren, Sonne, keine Sonne, Masken bis hin zu Medikamenten. Das mache ich übrigens nie wieder, die Nebenwirkungen waren abartig.

Doch mein Drill Sergeant schwieg. Kein „Man siehst Du wieder aus“, kein „So kannst Du doch nicht aus dem Haus gehen“. Nein. Er überließ dem Mentor das Wort. Der schwieg zwar auch zu diesem Thema, fand hingegen freundliche Worte zu meinen Bauchmuskeln. Und mal ehrlich: Keiner ist perfekt. Jeder hat an seinem Körper irgendwas, was ihn stört. Was ihm wehtut.

Mein innerer Mentor hatte aus einer schweren Zeit gelernt, in der ich unterbewusst das „Reiß Dich zusammen“ des Drill Sergeants körperlich so umsetzte, dass mein ganzer Körper unter Daueranspannung stand – sagte meine Physiotherapeutin. Mein innerer Mentor lobte nun also wohlwollend (aber nicht arrogant) die Erfolge beim Lauftraining, die Schüsse, die auf der Schießscheibe recht häufig zwischen 7 und 9 lagen. Denn mein innerer Mentor wusste noch, wie das war, als die größten Erfolge des Tages „aufwachen, aufstehen, essen, durchhalten, schlafen“ waren.

Die neuen Starken

Manchmal trifft man unglaublich starke, herzliche Menschen, die immer alle zum lachen bringen. Und irgendwann stellt man fest, dass auch die nicht so auf die Welt gekommen sind. Meist sind das genau die, die selbst ganz dunkle Abgründe hinter sich haben. Die, die sich nicht immer sicher waren, ob sie heute noch hier sein würden.

An jedem Stolperstein, jeder psychischen oder physischen Verletzung, jeder Zerstörung unserer Pläne wachsen wir. Die neuen Starken sind die, die wissen, dass es ok ist, einen Abend lang alles zu vergessen und auf die Wand zu starren. Die, die wissen, dass die Atmung zwar automatisch vom Körper gesteuert wird, aber einen Tag, an dem man abends noch atmet nicht als selbstverständlich ansehen. Die, die wissen, dass auch eine Zeit schrecklicher Alpträume irgendwann endet. Dass man manchmal auf dem Fußboden schlafen muss. Und die, die wissen, dass man sich selbst lieben muss, weil man sich sonst vielleicht ganz alleine auf der Welt fühlt.

Was nun?

Auch an diesem Wochenende wird nicht alles perfekt sein. Nicht auf Deiner Skala und nicht auf der Skala der anderen. Das ist nicht schlimm. Wir sind Menschen, das ist normal. Das muss so. Mach Dich nicht fertig, sei nett zu Dir. Du hast das verdient. Mach es Dir schön, kauf Dir Blumen, zünde Dir eine tolle Kerze an. Genieß das, was gerade gut ist, egal wie wenig das gerade sein mag. Und sag dem ollen Drill Sergeant in Deinem Kopf, dass er seine Spindkontrolle anderswo ausleben soll.

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