DSGVO: Für wie dumm halten sie uns?

Die Sache mit den Daten

Die Europäische Union, die EU. Eine Institution, die ich für wahrlich nicht ganz ausgereift oder gar auf der Höhe der Zeit halte. Versteht mich nicht falsch, Frieden in Europa ist eine tolle Errungenschaft. Allerdings ist dafür meiner Meinung nach nicht ausschließlich die EU verantwortlich. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Sie halten uns für außerordentlich dumm

Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), ein Wort, das vermutlich deutscher nicht sein könnte, ist eine Verordnung der Europäischen Union (EU). Sie ist bereits im Mai 2016 in Kraft getreten. Hat nur kaum jemanden interessiert. Anzuwenden ist sie jetzt, ab dem 25. Mai 2018. Das bedeutet de facto, dass Verstöße gegen die DSGVO nun geahndet werden können. Das Schreckgespenst 20.000 Euro Strafe steht im Raum. Tausende von Abmahnanwälten reiben sich die Hände… Hier würde ich gerne ein GIF gegen meine Wut einsetzen, aber wer weiß schon, ob das in diesen Tagen noch erlaubt ist.

Datenschutz ist wichtig, schon klar. Für Unternehmen trifft das durchaus zu. Natürlich will auch ich nicht, dass morgen jemand in Timbuktu mit meiner Kreditkartennummer Gott weiß was kauft. Oder in Wanne-Eickel. Andererseits weiß Payback recht genau, an welcher Tankstelle ich wie oft tanke, oder auch welche Filiale meines Drogeriemarktes ich am Häufigsten besuche – und im Zweifel natürlich auch, was ich dort einkaufe. Meine Nachbarn wissen vielleicht nicht, was ich im Internet bestelle, aber doch zumindest wo – steht ja auf dem Karton drauf. Mein Autokennzeichen verrät mein Geburtsdatum. Mein Reisepass zeigt , dass ich damit schon in Israel war, denn ich habe die hebräischen Aufkleber aus der Sicherheitskontrolle noch nicht entfernt. Und der Internetbrowser? Der kennt meine Träume besser als manche meiner besten Freunde. Der weiß genau, was ich gerne für Schuhe hätte, wohin ich am liebsten jetzt sofort reisen würde und welchen Onlineshop ich gerne besuche. Ist das schlimm? Naja, lieber Werbung für etwas, was mich interessiert als für Schmieröle für Motorräder oder einen Treppenlift, nech?

Das ganze Prozedere erinnert mich stark an die NSA-Geschichte. Als ein riesiger Aufschrei durch Deutschland (und gefühlt nur durch Deutschland) ging, dass ja die böse böse NSA (von der vorher nur wir Politiknerds, Fachrichtung ungewöhnliche Spezialisierungen, gehört hatten) aus den bösen bösen USA uns überwacht. Und natürlich eben nicht nur uns. Ja, was haben wir denn aber bitte gedacht? Hände hoch: Denkt wirklich noch jemand, dass Geheimdienstmitarbeiter heutzutage noch im Trenchcoat an Häuserwänden lehnen, den Hut tief ins Gesicht gezogen und die Umgebung durch zwei Löcher in der Zeitung fest im Blick? Seien wir mal ehrlich, jeder halbwegs begabte Mensch findet im Internet mehr Infos über seine Mitmenschen heraus als diese imaginäre Figur. Übrigens machen das auch nicht nur die USA. Aber das ist ebenfalls ein anderes Thema.

Sie denken, dass wir jetzt sicher sind

Ich bin übrigens die, die am Flughafen bei der Bewertung der Sicherheitskontrolle den Grinse-Smiley nur drückt, wenn die Kontrolle wirklich intensiv war. Wenn ich mindestens eine Person sehe, bei deren Gepäck ein Sprengstoffabstrich gemacht wird. Wenn ich gebeten werde, mein Handgepäck zu öffnen. Wenn lieber einmal zu viel als einmal zu wenig nachgeschaut wird. Ich bin vor und nach dem 11. September regelmäßig von Nordamerika aus geflogen und halte die meisten Sicherheitskontrollen in Europa für einen relativ schlechten Scherz. Ich kenne die Zeiten, als jeder in der Sicherheitskontrolle alle elektrischen Geräte anschalten musste. Als ich einen Schluck aus der vermeintlichen Wasserflasche nehmen musste. Als wegen erhöhter Terrorgefahr gar kein Handgepäck im Flugzeug erlaubt war. Gut, ich hatte also meinen Pass, den Roman und die Kaugummipackung so auf dem Schoß. Ging auch. Ging auch bei 12 Stunden Flug. Waren wir sicherer? Ich weiß es nicht. Aber wir haben uns sicherer gefühlt. Das ist Sicherheit. Sicherheit ist nicht so ein double-opt-in Schwachsinn für einen Newsletter – bei dem ich auch eine spezielle E-Mail-Adresse nur für Newsletter verwenden könnte. Clever, hm?

Sie halten uns für außerordentlich schützenswert

Die EU hält uns als Nutzer also für außergewöhnlich schützenswert und vor allem für außergewöhnlich dumm oder zumindest naiv. Denn es geht nicht um irgendwelche Daten, die jemand heimlich über mich sammelt, indem er mich Tag und Nacht verfolgt. Es geht genau um die, die ich freiwillig (!) preisgebe, etwa wenn ich mich zu einem Newsletter anmelde oder auf einem Blog kommentiere.

Ich habe eine sehr gute Freundin, die Mitte 20 ist. Sie hat noch nie Onlinebanking gemacht. Noch nie! Sie nutzt Überweisungsträger. Das sind diese orangefarbenen Blätter, die manchmal an Rechnungen hängen, Du weißt schon. Warum? Sie traut der Sicherheit online nicht. Für mich persönlich ist eine so direkte Interaktion mit der Bank gar nicht vorstellbar, aber klar, warum nicht.

Und wir Blogger als Anbieter? Mein Blog ist eine Dialogplattform. Über WordPress, aber auch über Facebook und Instagram komme ich mit Lesern in Kontakt. Auf diesen Plattformen finde ich selbst lesenswerte Blogs. Das alles lebt nicht von den paar Cent, die man vielleicht verdienen könnte (!), wenn jemand ein Buch über einen Amazon Affiliate-Link kauft. Bloggen lebt vom Austausch mit Menschen. Der wird durch Kommentare gefördert. Durch Verlinkungen und durch Soziale Medien. Und genau das wird mit der DSGVO jetzt verkompliziert. Und weil wir im Zweifel bloggen, weil wir gerne schreiben, Rezepte teilen oder Fotos machen, und nicht weil wir alle heimliche IT-Nerds und Hacker sind, kennen wir uns damit vielleicht auch nicht so gut aus.

Sie halten uns für ungewöhnlich begabt

Nun bin ich als Bloggerin, die sich ihre aktive Leserschaft noch aufbaut, also gefordert, mich wegen dieser DSGVO mit Kleinkram auseinander zu setzen. Nun gut. Nee. Nicht gut. Das ist nämlich alles total kryptisch. Wer hostet was wo? Was habe ich für Plugins? Welche kann ich deaktivieren, weil sie irgendwas irgendwo außerhalb der EU analysieren? Ich weiß es spontan nicht. Es interessiert mich aber ehrlich gesagt auch nicht. Also muss ich mich einarbeiten. Aber ich will nicht. Denn es interessiert mich einfach nicht. Denn wer im Zeitalter der Cookies im Internet unterwegs ist, muss doch wissen, dass er da eine Datenspur hinter sich zieht. Dem könnten wir entgehen. Wenn wir offline sind. Wenn wir keinerlei Kundenkarten haben, nirgends als Nutzer registriert sind. Wenn wir nur bar zahlen – und wer mich kennt, wird hier laut lachen.

Übrigens werde ich gerade wegen der DSGVO von Gott und der Welt zugespamt wegen diesem narrischen double-opt-in-Verfahren. Ob ich denn den Newsletter wirklich noch haben will. Klaro will ich. Sonst hätte ich ihn ja schon längst abbestellt. Hier und da und dort soll ich klicken oder mit diesem oder jenem Wort auf die E-Mail antworten, das nervt ungemein. Liest diese E-Mails noch jemand komplett durch? Ich glaube nicht. Sind wir also geschützter? Ha. Ha. Ha. Manche machen schon ein Trinkspiel draus. Aber „für jede DSGVO-E-Mail einen Schnaps“ stehe ich körperlich einfach nicht durch.

Und warum der ganze Zirkus? Sie halten uns für außergewöhnlich dumm. Eine andere Erklärung gibt es für mich nicht. Oder… haben Abmahnanwälte eine riesige geheime Lobbyorganisation? Man wird ja noch zweifeln dürfen.

Sie machen die Kreativität kaputt

Was mich traurig macht, ist, das eine Verordnung, die für Unternehmen vielleicht sinnvoll ist – ich weiß es nicht, ehrlich – jetzt die Bloggerszene ein Stück weit kaputt macht. Ich kenne etliche Blogger, die jetzt auf eine andere Plattform ziehen, die ihr (Freizeitlebens-)Werk erst einmal in den Wartungsmodus schieben, die ihren Blog komplett löschen und die vor allen Dingen Panik haben. Wer hat denn Zeit für so einen Mist? Und vor allem warum das Ganze? Ich für meinen Teil sitze jedenfalls nicht bei jedem Kommentar da und denke mir „geil, endlich wieder eine IP-Adresse für meine Sammlung, endlich noch eine E-Mail-Adresse“. Nee. Ich denke „toll, meine Beitrag hat jemandem gefallen“. Ich denke „oh, auch ein Blogger, da schaue ich mal vorbei“ und ich denke „wie schön, dass ich nicht für einen luftleeren Raum schreibe, wie toll das mit dem Austausch ist“. Und mit Verlaub kenne ich niemanden, dem ich diese Daten verkaufen könnte, selbst wenn ich es denn wollte.

Die EU macht meiner Meinung nach unsere Kreativität kaputt. Wir müssen uns mit Regeln auseinandersetzen, die gar nicht wirklich auf uns zutreffen. Wir müssen Datenschutzverordnungen basteln, bei denen auch Online-Anwälte nur begrenzt helfen können. Denn letztlich weiß man gar nicht so recht, was nun passieren wird. Aber, liebe EU, ich mache weiter. Denn ich bin gerade ein bisschen wütend. Und das ist ja auch ein Ansporn.

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15 Gedanken zu “DSGVO: Für wie dumm halten sie uns?

  1. 😘 ja!
    Ich bin grundsätzlich pro EU, aber dagegen, dass so „digitale Pioniere“ wie Oettinger glauben das Internet regulieren zu können. Schuster bleib bei deinen Leisten und überlass die Internetregeln einer Generation, die das Neuland schon betreten hat 🙈

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    • Ganz genau. Ich sehe hier eine eher eigenartige EU-Initiative, die mit deutscher Auslegung nicht besser wird. Gottes Werk und Teufels… ach lassen wir das 😉

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  2. Und täglich grüßt das Murmeltier oder alle Skandale wieder … wir als private Blogger sind die Gelackmeierten. Die ‚Großen‘ interessiert es sowieso nicht, obwohl sie hoch und heilig versprechen, etwas für den Datenschutz zu tun. We will see…

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    • So sehe ich das auch. Ich hoffe, dass nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Und zunächst erwarte ich, dass Unternehmen und Behörden das alles umsetzen (können), dann kommen wir vielleicht irgendwann. Oder eben auch nicht. Das wäre noch schöner.

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  3. Nun, was spricht eigentlich dagegen, dass auch wir BloggerInnen nur so „viele Daten sammeln“ wie nötig und so „wenige wie möglich“, um den „eigentlichen Zweck des Betriebes“ anbieten und aufrecht erhalten zu können. Denn nur darum geht es bei der DSGVO.
    Das ausreichend konform umzusetzen ist im Prinzip nicht sehr kompliziert: alle „Datenschleudern“ (FB-Plugins, und anderes, das ungefragt Daten weitergibt) vom Blog verbannen. Der Blog ist danach immer noch ein Blog. Die Kernaufgabe, Texte zu veröffentlichen, die Kommentarfunktion und andere Techniken der Kommunikation funktionieren weiter, wie bisher. Allenfalls muss man an einer Stelle ein zusätzliches Häkchen setzen. Das komplizierteste ist, die Datenschutzerklärung allgemeinverständlich auf die „eigenen Blogbedürfnisse und -gegebenheiten“ anzupassen. Und gerade das machen (leider) die wenigsten (auch ich muss da noch in einigen Passagen nachbessern).
    Wenn wir möchten, dass andere unsere Daten in geringem Umfang sammeln und verarbeiten, dann sollten wir das so auch mit den Daten unserer NutzerInnen/LeserInnen halten.

    Ein Wort noch zu den „Abmahnanwälten“ : die rennen nicht von alleine los. Sie brauchen einen Auftraggeber, in dessen Auftrag sie Verstöße welcher Art auch immer abmahnen. In den prominenten Fällen der Vergangenheit waren das die Musikindustrie, große Rechteverwerter, sowie Gruppen und Einzelpersonen, die ihr Urheberrecht (in den meisten Fällen zurecht) verletzt sahen. Wer sollte Anwälte beauftragen, „kleine Blogs“ abzumahnen, wenn die die DSGVO entsprechend „ihrem Zweck des Betriebes“ umgesetzt haben. Zumal es bei Einspruch und folgender Gerichtsverhandlung, vermute ich mal, ohnehin in fast allen Fällen zur Einstellung des Verfahrens käme. Also: Don’t panic! lg_jochen

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  4. Du sprichst mir aus der Seele! Darum teile ich deinen Beitrag auch, bevor ich mich beim selber schreiben nur noch mehr mit dem Thema nerve. Richtig kompliziert wird das Ganze, wenn man wie wir einen Blog von ausserhalb der EU betreibt, aber Leser aus der EU den Blog abonniert haben. Unser Blog ist auch (noch) nicht kommerziell, wir haben kein Unternehmen angemeldet, wir wollen nur unsere Liebe zu Jamaika mit aller Welt teilen. Wie sollen wir uns verhalten? Wenn wir jetzt nichts tun, weil wir nicht müssten, wie ist das dann, wenn wir irgendwann doch damit anfangen, Affiliate-Links zu setzen? Fragen über Fragen… Mir bleibt wohl nichts übrig, ich MUSS mich da einlesen. Bevor noch jemand mit der Strafkeule kommt 😡

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  5. Ja, dieser „Datenschutz“ soll uns angeblich schützen. Das ist die Fassade für solche Aktionen. Eigentlich will man in den Zeiten des Aufstiegs, und der damit verbundenen Veränderungen, dafür sorgen möglichst wenig Info bekommen zu können. Denn wir wissen alle, daß wir öffentlich mit Informationen gefüttert werden, die nicht viel bzw. nur teilweise mit der Wahrheit zu tun haben. Gerade soviel, um uns hinzuhalten.
    Natürlich muß man abwegen welchen Informationen man Glauben schenken kann, daß schließt aber unsere Medienanstalten nicht aus! Wir sind auf dem Weg- und sie werden es mit gar nichts verhindern. So ist es.

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