Kein Mut ohne Angst 

Diese Woche war ich bei einem Vortrag von Reinhold Messner: „Üb Erleben, Überleben und Über Leben„.


Eines der Zitate, das meine Freundin und mich am meisten traf war „Es gibt keinen Mut ohne Angst“. Der Mann hat 8000er bestiegen, zwei Brüder am Berg verloren und doch weitergemacht. Er hat Recht. Ich weiß, dass ich immer am mutigsten war, wenn ich meine Angst überwunden habe.

Üb Erleben

Das Erleben üben. Kennst Du das, wenn man an den Punkt kommt, an dem man im Flow ist, in diesem Zustand in dem man nur noch merkt, dass da etwas Großartiges passiert aber ohne jeden kleinen Schritt denken zu müssen? Ich habe beim Laufen (selten aber) manchmal etwas ähnliches. Auch wenn ich ein Aquarell male und den Farben dabei zusehe, wie sie auf dem Papier tanzen, sich auf Wasserbasis ausbreiten, dünner werden, sich mit anderen Strichen vermischen.

Ich finde, dass wir uns manchmal selbst erinnern müssen, zu erleben. Wie oft machen wir Fotos von Momenten, von Essen, von Freunden. Aber sind wir auch da, in diesem Moment? Nehmen wir den Moment wirklich wahr, wie der Kaffee duftet, die Blumen blühen und sich die Seiten des Buches beim umblättern anfühlen? Oder machen wir nur Foto um Foto? Die Skandinavier sind gut darin. Die Schweden haben sich mit ihrer Fikapaus einen Moment geschaffen, in dem sie vom Alltag Abstand gewinnen. Die Dänen machen mit Hygge, ihrer Art von Gemütlichkeit, etwas ähnliches.

Überleben

Ich bin inzwischen leider in einem Alter, in dem das (Über-)Leben nicht mehr ganz selbstverständlich ist. Letztes Jahr haben einige Schulkameraden oder Kommilitonen sich von einem Elternteil verabschieden müssen. Diese Woche hat ein Freund von mir bei der Beerdigung seines Vaters die Grabrede gehalten. Das sind Situationen, mit denen meine Altersgenossen und ich (noch?) gar nicht so gut umgehen können. Eine Freundin von mir ist ehrenamtliche Seelsorgerin. Als ich vor einiger Zeit heulend vor einem Kondolenzbrief saß und mir die perfekten Worte fehlten, rief sie an und sagte „Es ist fast egal, was Du schreibst. Das Wichtige ist, dass Du schreibst und dass es persönlich ist. Du wirst die perfekten Worte nicht finden, weil es sie in dieser Situation nicht gibt.“ Das war eine schwierige Erkenntnis für mich, immerhin verdiene ich mit Worten mein Geld. Immerhin bin ich der Meinung, dass Botschaften durch die richtig gewählten Worte positiv oder negativ aufgenommen werden können. Immerhin lese ich Bücher gerne oder weniger gerne je nachdem, wie der Autor mit Sprache umgeht. Und eine meiner liebsten Stellen in der Bibel ist nicht ohne Grund „Maria aber behielt all diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“

Ich sehe bei mir selbst und bei meinen Freunden, dass wir furchtbar viele Pläne haben und machen, aber wenn es nicht jetzt klappt, dann eben nächstes Jahr. Das ist diese blöde Schere zwischen „endlich genug Geld“ und „leider nicht genug Zeit“. Ich bin insgesamt nicht unendlich geduldig. Aber vorfreuen kann ich. Und warten kann ich auch. Wenn ich im März am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv lande, werde ich darauf zwanzig Jahre gewartet haben. Der letzte Versuch im Herbst 2016 klappte auf den letzten Metern nicht – aber nun wird es endlich wahr. Die Flüge sind gebucht, die Vorfreude ist riesig und ich versuche, mich an meine paar spärlichen Hebräisch-Bröckchen zu erinnern. Sababa, wenn das klappt. Slicha, wenn das nicht so gut funktioniert.

Über das Leben

Reinhold Messner sagte am Montag einen Satz, über den ich einige Tage nachgedacht habe: „Am Ende des Lebens auf eine gelungenes Leben zurückzublicken ist zu spät“. Er hat Recht. Wer will nicht im hohen Alter halbwegs fit im Kreise von Partner, Kindern, Enkeln und Urenkeln mit einem Lächeln auf dem Gesicht sanft im Schlaf sterben? Wo bei der Beerdigung alle sagen „Hat das Leben gelebt, hat alles erreicht“. Und doch ist es für uns zu spät, denn dieser Moment der Freude und Dankbarkeit wäre zu kurz. Seit etwas über einem Jahr versuche ich, am Abend mindestens eine Sache zu finden, für die ich an diesem Tag dankbar sein kann. Mal sind es Momente, mal Begegnungen oder Menschen, die mich an diesem Tag besonders berührt haben. Aber an jedem Tag finde ich etwas – und das geht darüber, ein Dach über dem Kopf zu haben und oft genug am Tag etwas essen zu können weit hinaus.

Ich bin heute besonders dankbar für einen langjährigen Freund und Kollegen, der mir bei einem Vorhaben geholfen hat. Das ging weit über sein Muss oder Soll hinaus, hat mich aber enorm vorangebracht. Sowas ist nicht selbstverständlich. Und Du? Was hast Du heute erlebt, wofür Du dankbar bist? Nimm Dir einen Moment und denk mal darüber nach. Dir fällt bestimmt etwas ein.

 

 

 

 

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