Gewinnertyp: Mein Laufjahr

Ich war nie wirklich Sportlerin. Aber in diesem Jahr habe ich das Laufen für mich entdeckt. Und obwohl es Spaß macht und mir fehlt, wenn ich – wie in den letzten Wochen – wegen einer doofen aber hartnäckigen Erkältung nicht laufen gehen kann, so hielt ich es immer für einen Mythos, diese Sucht. Früher. Ich, die ich das alljährliche Sportevent meiner Schule verabscheute: den House Run. Dabei traten die vier Häuser (man denke an Harry Potter) bei einem Lauf durch den Schulstadtteil gegeneinander an.  Ich fand das doof. Ich war unwesentlich unfitter als die, die in Volley-, Basket- oder Fußball brillierten. Auch als die, die Ballett tanzten, Rugby, Feld- und Eishockey spielten. Vor allem aber als die Läufer.

Ich habe es gehasst. Früher.

2017 bin ich drei Mal auf 10 km angetreten, in Leipzig, in Würzburg und in Essingen (da sogar auf 10,5 km). Schon im April wollte ich in Leipzig mein Ziel von 10 km in einer Stunde schaffen. Aber es war heiß, die Strecke fast komplett in der prallen Mittagssonne und als immer mehr Läufer von Sanitätern versorgt wurden und immer häufiger Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene zu sehen und hören waren, spielte mein Kopf nicht mehr mit. Auf meine 01:04:55 bin ich dennoch stolz – aber das kam erst mit der Reflexion, dass ich genauso hätte ausfallen können.

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Trotzdem stolz.

Im Mai war ich drei Tage vor Würzburg in der Mittagspause mit meiner Laufpartnerin unterwegs. Knapp 8 km in einer Stunde. Es war warm, ich hatte den Kopf voller Gedanken und Sorgen und es lief im wahrsten Sinne des Wortes nicht. Mist. Als wir uns verabschiedeten, sagte sie „Wenn ich Du wäre, würde ich am Sonntag nicht laufen.“ Ich wusste nicht, ob das ein erst gemeinter Rat war oder ob sie damit meinen Ehrgeiz anstacheln wollte. An dem Wochenende sollte es regnen. Mist. Aber da Würzburg und ich ein bisschen Geschichte haben und ich die Stadt immer noch sehr gern mag, wollte ich dort laufen. Ich hatte mich so darauf gefreut, am Main entlang, mit Blick auf die Weinberge und die Festung und die Brücken zu laufen. Und auf die Pizza danach in meiner Lieblingspizzeria. Und je mehr ich grummelnd nachdachte, umso klarer würde mir, wie gern ich das wollte, Zeit hin oder her. Samstag Abend war es entschieden, Sonntag gab es Porridge zum Frühstück und eine schnelle Autobahnfahrt an den Main. Ich meldete mich in Windeseile nach, bekam meinen Chip, meinen Beutel und ging raus in die Sonne. Ich genoss den Blick auf die Festung Marienberg.

Ein netter Läufer machte dort ein Bild von mir (auch wenn es aussieht, als hätte ich gerade den Audi hinter mir gewonnen).

Ich war nervös. Aber mit einer guten Zeit hatte ich wegen des doofen Trainings am Donnerstag zuvor eh abgeschlossen und außerdem ziepte es im linken Oberschenkel. Naja. Ich war wegen der Stadt da, wegen der Strecke und würde den Lauf heute einfach nur genießen.

Am Start merkte ich, dass einer der Ohrstöpsel-Gummis meines Kopfhörers noch in meiner Handtasche war. Na klasse. Startschuss. „Langsam anfangen“, sagte ich mir. Ging ja eh nicht um die Zeit heute. Der Blick war toll und ich war zufrieden, dabei zu sein. Als ich an einem 3 km-Schild vorbeilief, hatte ich vergessen, wie mein Lauf hieß, vermutlich war das die Anzeige für den Halbmarathon. Mein Lauf konnte das nicht sein. Denn um 10 km in einer Stunde zu laufen, bräuchte ich einen 6:00-er Schnitt. Illusorisch. 18 Minuten waren vergangen.

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Der Schlusssprint beginnt

Ich war mir sicher, dass die Kilometeranzeige zu einer anderen Distanz gehörte. An jeder Wasserstation schaute ich auf den Polar Loop, immer wieder kam ich im Kopf auf den 6:00-er Schnitt. Ich zweifelte (wie so oft im Leben) an meinen mathematischen Fähigkeiten. Die Schmerzen im Oberschenkel waren weg. Ich lief und genoss, trank Wasser und rechnete. Ich motivierte eine andere Läuferin, weiterzumachen, nicht aufzugeben. Ich lief. Als das 8 km-Schild auf meiner Höhe war, akzeptierte ich, dass das mein Lauf ist. Dass die Schmerzen weg sind. Dass ich keinen Gel Chip brauche. Auf dem letzten Kilometer gab ich noch mal alles. Und als bei der Zeit vorne noch keine Eins stand, als da 59:32 stand, hatte ich es geschafft. Meine Bestzeit auf 10 km.

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Der Blick auf die Zeitanzeige – überrascht, glücklich und sehr stolz

Laufen? Ich habe es gehasst. Früher. Für 2018 steht der Plan schon größtenteils. Im Februar steht schon der erste Lauf an.

 

2 Gedanken zu “Gewinnertyp: Mein Laufjahr

  1. Pingback: Ein Jahr voller Leben  | Coffee to stay

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