Unpopulär

„Was machst Du in Deiner Freizeit?“

fragte er irgendwann. Wir lernten uns gerade erst kennen – was antworte ich? Wer bin ich? Was macht mich aus? „Ich singe im Chor und solo. Ich habe eigentlich immer Musik im Kopf.“ Das stimmt. Und ich laufe mittlere Distanzen. Ich koche, ich backe nachts. Ich male Aquarelle, ich übe mich in Handlettering. All das weiß er. Was er nicht weiß:

Ich schieße Luftpistole

auf 10 Meter Entfernung in einem Schützenverein. Und es tut mir wahnsinnig gut. Ich atme ein, aus, ziele, ein, aus, schieße. Und zumeist treffe ich recht gut. Einige der anderen Schützen haben angemerkt, dass ich ungewöhnlich ruhig bleibe. Dass ich die knapp ein Kilo schwere Walther am ausgestreckten Arm auf die Zielscheibe richte, mich auf Kimme und Korn – und nicht auf das Schwarze – konzentriere und so lange innehalte, bis ich mir sicher bin, dass meine Hand ruhig bleibt und ich treffe. Wenn ich schieße, kann ich abschalten. Wenn ich schieße, bin ich ganz auf mich selbst konzentriert. Wenn ich schieße, atme ich ganz ruhig, mein Puls sinkt und ich bin entspannt. Schießen ist das neue Yoga.

Ich, die Neue – deutlich unter 50, weiblich, sportlich, schlank und irgendwie Naturtalent – wurde in der eingeschworenen Herrenriege natürlich sofort beäugt. Und ohne die Erfahrung, fast ausschließlich in Männerdominierten Branchen gearbeitet zu haben und mich dort behaupten zu müssen, hätte ich vermutlich schnell einen Rückzieher gemacht. Heute trinken wir nach dem Training gern mal ein Bier am Stammtisch und unterhalten uns. Darüber, wann die Schießstände für Feuerwaffen endlich fertig werden, wie nach der Überschwemmung alle angepackt haben, wie es sich in anderen Vereinen so schießen lässt und wo man Luftpistolen und Munition am besten kaufen kann. Wir reden über Kleinkaliber, Großkaliber, alte Waffen, Sammlerstücke, den Jagdschein, die Waffenbesitzkarte.

Flintenuschi, Amoklauf, Ego-Shooter und der Ex

Und dennoch habe ich auf sein „Was machst Du in Deiner Freizeit?“ nicht geantwortet „Ich schieße LuPi, habe dabei einen Heidenspaß und treffe meist das Schwarze.“ Warum?  Ich weiß es gar nicht so genau – und doch ärgert es mich. Vielleicht wollte ich nicht als „Flintenuschi“ gesehen werden, vielleicht hatte ich auch Angst vor der gängigen Vorverurteilung von Sportschützen. Denn Sportschützen sind irgendwie unpopulär. Im Gegensatz zu Jägern schießen wir nicht auf Tiere und schon gar nicht auf Menschen – dennoch werden wir bei jedem Amoklauf mit den Ego-Shooter-Spielern in einen Topf geworfen und zu einem Eintopf der Vorurteile eingekocht. Irgendwie haben wir angeblich alle nicht mehr alle Latten am Zaun und überhaupt. Ich wurde übrigens schon mehrfach gefragt, ob ich mir beim Schießen meinen Ex vorstelle. Ähm nö. Einerseits hat der schon sehr lange keinen Platz mehr in meinem Leben oder gar in meinem Kopf. Andererseits schieße ich eben auf Zielscheiben und nicht auf Menschen.

In unserem Vereinsheim hängt ein Poster an der Tür, durch die ich zum Tresor gehe, um meine Waffe zu holen und die Pressluftkartusche zu befüllen. Das Poster zeigt ein zu Schrott gefahrenes Auto, getuned, sehr bunt, sehr sehr kaputt. Die Bildsprache suggeriert ein Autorennen, vermutlich illegal. Darüber steht „Die bösen Sportschützen“. Wir wollen keine Opfer sein, niemanden gefährden und geben für unser Hobby mittelmäßig viel Geld aus. Schießen ist ein Sport wie jeder andere. Und mein Verein ist sogar in der zweiten Bundesliga.

Übrigens:

Das trifft auf Feuerwaffen zu – auf Luftpistolen, wie ich sie aktuell schieße, nicht. Die müssen zwar auch unter Verschluss aufbewahrt werden, allerdings reicht da ein abgeschlossener Koffer, einen Safe brauche ich nicht. 

„Was machst Du in Deiner Freizeit?“ fragte er. „Ich bin Sportschützin, laufe gerne und singe ständig.“ Das wäre meine Antwort gewesen. Aber das habe ich ihm nicht gesagt. Noch nicht. Ich bin gespannt, wie er darauf reagiert.

 

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3 Gedanken zu “Unpopulär

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