Gegen das Vergessen

Als ich ein Junge war und beängstigende Dinge in den Nachrichten sah, sagte meine Mutter immer: ‚Suche die Helfer. Du wirst immer Leute finden, die den anderen helfen.‘

  – Fred Rogers

Diese Woche jährte sich der „Schicksalstag der Deutschen“. Der 09. November ist für uns Symbol der Befreiung und Unterdrückung zugleich. 1938 legten die Nazis bei der Reichspogromnacht ganze Stadtteile in Schutt und Asche. Existenzen wurden zerstört, Menschen degradiert wegen ihres Glaubens. Aber es gab auch die anderen. 1989 fiel die Mauer. Nach viel zu vielen Jahren wurden die Bürger der DDR befreit. Aus einem ebenfalls menschenverachtenden Regime.

Unterdrückung

Vor einigen Jahren durfte ich die Synagoge in der Berliner Rykestraße in Prenzlauer Berg besuchen, eine der größten Synagogen Europas. Ich war beeindruckt von ihrer schlichten Schönheit. Von der Helligkeit. Davon, dass ich da sein durfte.

Denn wäre es nach den Nazis, ihren Schergen, Unterstützer und Mitläufern gegangen, hätte das jüdische Gebetshaus dort gar nicht mehr stehen sollen. In der Reichspogromnacht wurde die Synagoge angezündet. Doch der Polizeikommandant des Reviers ordnete an, dass der Brand gelöscht wird. Nicht, weil er ein Gutmensch war. Sondern weil das Viertel – wie so viele in Berlin- sehr eng bebaut war. Weil viele Deutsche (hier als Abgrenzung zu den Juden, die natürlich ebenfalls Deutsche aber eben jüdische Deutsche und damit ideologisch eben keine Deutschen mehr waren) in der Nachbarschaft wohnten, und die Flammen drohten, auf deren Wohnhäuser überzugreifen. Noch zwei Jahre lang konnten in der Synagoge Gottesdienste abgehalten werden. Dann nahm das Unheil in Deutschland weiter seinen Lauf.

Befreiung

Als die Mauer fiel, 1989, weinten meine Großeltern – so wird es mir erzählt. Ich weiß nur, dass meine Eltern fassungslos vor dem Fernseher saßen. Damals noch echt mit drei Programmen.

Meine Großeltern kamen aus Brandenburg, hatten dort ihren Lebensmittelpunkt, ihre Schlachterei und ihr Haus. Doch mein Opa war mit dem Regime unzufrieden. So unzufrieden, dass er nicht länger schweigen konnte. So unzufrieden, dass er verhaftet werden sollte. Also nahmen meine Großeltern ein paar Habseligkeiten und ihre zwei Söhne und verließen ihre Heimat. Von einem Tag auf den nächsten.

Ich bin in meinem Leben oft umgezogen, ich bin ausgewandert, ich habe neu angefangen. Ich habe Kisten gepackt und packen lassen, ich habe Zeug entsorgt, an alten Freundschaften festgehalten und neue aufgebaut. Immer wieder. Ich kannte es nicht anders. Und doch kann ich mir nicht vorstellen, alles hinter mir zu lassen,

Heute

Heute ist die Synagoge in der Berliner Rykestraße eine der größten Synagogen Europas. Heute haben wir eine angebliche Flüchtlingskrise (was die Zahlen übrigens nicht bestätigen und was auch sonst so nicht ganz richtig ist). Rassismus wird wieder öffentlich gelebt, getarnt mit dem Halbsatz „ich bin ja kein Rassist, aber…“. Wie der Herrenwitz, der mit einem ekligen „hähähä“ der „Herren“ irgendwie ok sein soll. Und wir fragen uns, woher #metoo kommt. Naja.

Wer würde heute dafür sorgen, dass die Synagoge oder die Flüchtlingsunterkunft nicht abbrennt – und warum?

Heute frage ich mich, wer meine Großeltern damals empfangen hätte, wenn sie nicht Freunde in Hamburg gehabt hätten. Wer wäre am Bahnhof gewesen und hätte sie gefragt, was sie brauchen? Wer hätte dem Größeren einen Spielzeugbagger und dem Kleinen einen Teddy geschenkt? 

Manchmal frage ich mich, ob wir aus unserer Geschichte wirklich gelernt haben. Und dann bin ich froh, dass wir an solchen Tagen kurz inne halten können um zu überlegen, was gut ist und was nicht.

 

 

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