Believe First, Bedenken Second

Oder auch: Was mein dreijähriges Ich schon wusste.

Ein 500-Seelen-Dorf an einem Stausee in Rheinland-Pfalz, irgendwann 1987.
Als ich drei Jahre alt war, war ich mit meinen Eltern im Schwimmbad. Mit meinen orangefarbenen Schwimmflügelchen an den Armen stand ich am Beckenrand. Mein Vater sagte, ich solle springen, er würde mich fangen. Aber das wollte ich gar nicht. Ich wollte schwimmen wie die Großen. Problem: Ich konnte das eigentlich noch gar nicht. Dennoch bestand ich darauf, jetzt alleine zu schwimmen. Gesagt, getan. Warum? Mein dreijähriges Ich sagte danach zu meinen Eltern:

„Wenn man sagt, dass man etwas kann, dann kann man es auch.“

Dreißig Jahre später in Ulm

Vorgestern bin ich meinen ersten Halbmarathon gelaufen. Ich habe seit März zwar mehr oder weniger gezielt daraufhin trainiert, aber hier und da auch mal eine Trainingseinheit schleifen lassen. Anders als angeraten habe ich nicht auf Kohlenhydrate verzichtet (ein Glück für mich und mein Umfeld), nur wenige Steigerungsläufe gemacht.

Ich höre Stimmen

„Ich will nur ankommen“, sagte ich vorher jedem, der fragte. Und doch gab es da in mir eine kleine Stimme, die immer wieder sagte „Es gibt Leute, die schaffen das unter zwei Stunden. So 2:20 könnten doch gehen.“ Und dann kam die ängstliche Stimme durch. Immer wieder säuselte sie was von „Ach Gott, hättest Du dich mal für 10 km angemeldet. Die kannst Du doch. Da weißt Du doch, dass es geht.“ Auf 10 km hatte ich im Mai meine persönliche Bestzeit. Endlich 59 Minuten. Ich war richtig stolz. Immerhin habe ich erst im Juli 2016 angefangen, wirklich regelmäßig zu laufen. Weil ich mir etwas beweisen wollte. Weil ich meinem Körper etwas beweisen wollte. Weil ich merkte, wie gut es tat, den viel zu vollen Kopf mal von der Landluft durchpusten zu lassen.

Vorgestern stand ich am Messegelände in Böfingen. Um mich herum tausende von Läufern. Waren sie besser vorbereitet als ich? Hätte ich doch meinen Trinkrucksack mitnehmen sollen? Hätte ich doch eine kurze Hose anziehen sollen? Was, wenn ich unterwegs doch aufs Klo müsste? Was, wenn die Strecke nun doch zu lang ist? Immerhin war ich in den letzten Wochen nur bis zu 16 km gelaufen. Ich hatte Angst. Wie schon in den Tagen zuvor hatte ich Respekt vor der Strecke.

Als der Startschuss für meinen Block fiel, grinste ich plötzlich. Das würde jetzt Spaß machen. Nicht auf die Zeit schauen, einfach machen. Zu Highway to Hell liefen wir los. „Und wenn ich ins Ziel krieche, ich werde ankommen“, hatte ich immer wieder zu meiner Laufpartnerin gesagt. Und die lief heute immerhin den kompletten Marathon. Uff.

Tipps von einem senilen Fisch

Bei Kilometer Drei – wir waren gerade in Bayern eingelaufen – dachte ich an Dory. „Einfach laufen, einfach laufen“ säuselte mir der senile Comic-Fisch ins Ohr. Ich war für mein Empfinden (und meine Laufuhr) viel zu schnell, aber irgendwie ging das. Vier Kilometer später schloss ich zu einem Zielläufer-Paar auf, auf deren Rücken „2:20, 6:30 min/km“ stand. Das Tempo so schwarz auf weiß vor mir zu sehen ließ mich nachdenken. In Würzburg, auf 10 km war ich knapp unter 6 Minuten gelaufen. Aber auf dieser Distanz? Das wäre nicht machbar, das wusste ich.

Zwei, drei Kilometer später, eben waren wir an der Feuerwehrkapelle Pfuhl vorbeigekommen (großartig!), traf ich auf zwei Damen von Zeiss, unserem Nachbar- und früheren Mutterunternehmen. Wir plauderten ein wenig (hier kommt der alte Spruch „Beim Laufen muss man noch reden können“ ins Spiel) über unser Trainingsprogramm, Ulm und unsere Zielzeiten. Plötzlich war ein Kilometer geschafft und der kam mir viel kürzer vor als die anderen. Insgesamt sind wir dann fast 10 km zusammen gelaufen. Das hat mich gefordert – die Ladies waren ganz schön flott unterwegs – aber das war auch toll.

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Sieht aus wie eine Fotomontage, ist aber keine. Wirklich nicht.

Der Debatte folgen und beißen

Die letzten drei Kilometer waren einsam und richtig hart. Ich lief wieder alleine, konnte mit den beiden nicht mehr mithalten. Nicht schlimm. Ich bin ein Stück gegangen, wieder gelaufen, wieder gegangen. Nicht schlimm. Keine Schande. „Nur nicht den letzten Kilometer zum Münster gehen“ sagte ich mir. In meinem Kopf war eine hitzige Debatte im Gange zwischen „Ach komm doch, reiß Dich zusammen, sind doch nur noch zwei Kilometer“ und „Bloß nicht die letzten Meter gehen müssen, dann lieber jetzt“. Ich traute mich nicht mehr, auf meine Uhr zu schauen. Sicher war ich schon locker über 2:30 hinaus. Ich schluckte die Tränen runter. Egal, Hauptsache ankommen.

Als ich im Fischerviertel ein paar Schritte ging, rief mir ein junger Mann zu „beißen“. Ich biss. Ich riss mich zusammen, ich lief. Sicher würde meine Zeit bei 2:45 oder drüber liegen. Aber ich würde das hier fertig machen.

Und plötzlich war sie da, die Brücke an meiner Lieblingspizzeria. „Dahinter ist der Schlenker, da geht es ein bisschen bergauf, aber da siehst Du schon das Münster. Dann hast Du es gleich geschafft.“

Der Spielverderber in meinem Kopf hingegen wollte noch irgendwas von „Och, bist aber schon auch ziemlich fertig. Du kriegst eine Blase am Zeh, das ziept so. Deine Knie fühlen sich matschig an. Och.“ Aber den würde ich jetzt nicht noch mal zu Wort kommen lassen.

Ich lief, ich biss, ich hab mich gequält. Und als ich im Ziel war, als ich es endlich geschafft hatte, schaute ich das erste Mal seit langem wieder auf die Uhr. Und mit 2:22:39 hatte ich meine Zielzeit geschafft. Und meinen ersten Halbmarathon bewältigt. Nicht aufgegeben. Und als ich endlich das Finisherbier in der Hand hatte, hätte ich fast geweint. Aber dann musste ich doch nur breit grinsen.

Und ganz ehrlich… Der Spielverderber in meinem Kopf? Der kennt mein dreijähriges Ich wohl nicht. Denn

„Wenn man sagt, dass man etwas kann, dann kann man es auch.“

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Ich habe mir ganz viele Blasen gelaufen. Ich habe Muskelkater. Ich war emotional völlig überfordert. Ich schwor mir, niemals mehr einen Halbmarathon zu laufen. Heute sprach mich eine Kollegin an. Ob ich wisse, dass es da so einen Halbmarathon in New York gibt. Eine ängstliche Stimme in meinem Kopf sagte „Um Himmels Willen, mach das nie wieder“. Aber die andere, die sagte mit einem leicht amüsierten Unterton „New York? Ist immerhin ganz flach. Wieso denn eigentlich nicht?“. Mal sehen. Ich bin gespannt, was der senile Fisch dazu sagt.

Danke!

Vielen Dank an alle, die mich unterstützt haben. Alle, die mich gefragt haben, wie die Vorbereitung läuft. Allen, die mir Tipps gegeben haben. Die mich im Training mitgezogen haben. Und von Herzen ein ganz großes Danke an alle, die an mich geglaubt und mich beglückwünscht haben. Es war echt nicht leicht. Aber ich bin dankbar, dass ich es geschafft habe.

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3 Gedanken zu “Believe First, Bedenken Second

  1. Pingback: Ein Jahr voller Leben  | Coffee to stay

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